Seit gut einem Jahr erzähle ich in meinen Vorträgen: KI-Shopping-Agenten kommen.
Und jedes Mal sehe ich im Raum diesen Blick: Wirklich? Eine KI, die nicht nur Produkte vorschlägt, sondern am Ende auch kauft? Damals klang das noch nach Zukunftsmusik.
Im April 2025 waren es zwei einzelne Puzzleteile: OpenAI brachte erste Shopping-Funktionen in ChatGPT (1). Kurz danach zeigte Visa, wie Bezahlen mit KI-Agenten aussehen könnte (2). Spannend, aber noch eher Vision als Lösung.
Und jetzt?
Nur rund 14 Monate später greifen diese Puzzleteile ineinander. Am 10. Juni 2026 haben Visa und OpenAI ihre Partnerschaft angekündigt: Visa-Zahlungen sollen direkt in OpenAI-Erlebnisse integriert werden (3).
Heißt praktisch:
- Aus der Vision wird Infrastruktur.
- Aus „KI hilft bei der Produktsuche“ wird Schritt für Schritt: KI vergleicht, wählt aus und KAUFT selbständig.
Und genau HIER wird es für Marketing und E-Commerce spannend. Die Frage lautet nicht mehr: Kaufen KI-Agenten bald für uns ein?
Sondern: Welche Marken, Shops und Plattformen sind für diese Agenten sichtbar, verständlich und vertrauenswürdig?
April 2025: Vision. Juni 2026: Partnerschaft.
Agentic Commerce: Von Empfehlung zu Ausführung
Bisher war KI oft die freundliche Beraterin am digitalen Regal: „Das könnte zu Dir passen.“ Nett. Hilfreich. Aber noch kein Einkauf.
Jetzt rückt der nächste Schritt näher: KI-Agenten können Warenkörbe vorbereiten, Rabattcodes testen, Lieferoptionen vergleichen und Käufe anstoßen.
Genau hier kommt ein neuer Begriff ins Spiel: Agentic Commerce. Gemeint ist, dass KI nicht mehr nur Informationen liefert, sondern Aufgaben eigenständig ausführt. Der Mensch formuliert ein Ziel, die KI übernimmt Recherche, Vergleich, Auswahl und – innerhalb festgelegter Regeln – auch die nächsten Schritte bis hin zum Kauf.
Natürlich nicht einfach wild drauflos. Gerade beim Bezahlen braucht es klare Regeln: Was darf der Agent kaufen? Bis zu welchem Betrag? Bei welchen Händlern? Und wann muss der Mensch noch einmal bestätigen?
Genau deshalb sind Visa und OpenAI hier so spannend. Aus „Hier sind drei gute Optionen“ wird langsam: „Ich habe die passende Option gefunden und bereite den Kauf vor.“
Warum KI-Shopping plötzlich relevant wird
KI-Shopping ist nicht mehr nur ein spannendes Zukunftsthema. Konsument:innen nutzen KI schon jetzt, um Produkte zu finden, Bewertungen zu prüfen und Kaufentscheidungen vorzubereiten.
Die Zahlen zeigen den Richtungswechsel:
- 49 % der US-Konsument:innen haben 2025 schon KI-Chatbots fürs Shopping genutzt; 64 % planen das für 2026. (4)
- Laut McKinsey nutzen 40 bis 55 % der Konsument:innen in Kategorien wie Elektronik, Travel, Beauty und Finanzprodukte bereits KI-basierte Suche für Kaufentscheidungen. (5)
- Laut IBM-NRF nutzen 45 % der Befragten KI in irgendeinem Teil ihrer Customer Journey; 41 % für Produktrecherche, 33 % für Reviews und 31 % für Schnäppchenjagd. (6)
- Laut Adobe stieg der Traffic von generativen KI-Tools auf Retail-Websites in der Holiday Season 2025 um 693,4 %. AI-Referrals konvertierten 31 % besser als andere Traffic-Quellen. (7)
Der eigentliche Punkt ist aber nicht die Zahl. Der Punkt ist das neue Verhalten:
- Früher suchten Menschen nach Produkten: „55-Zoll-Fernseher“
- Heute formulieren sie ein Ziel: „Finde mir einen guten 55-Zoll-Fernseher unter 800 Euro für Sport und Streaming.“
Das ist der Unterschied: Aus Suche wird Delegation. Die KI recherchiert, vergleicht und sortiert vor.
Aktuell sieht das Ergebnis von „finde mir einen …“ bei ChatGPT in Deutschland noch so aus: Sucht, gibt Empfehlungen und liefert Kauflinks. Aber kauft eben noch nicht. Aber macht eben schon die ersten drei Stufen des KI-Shoppings.

Die vier Stufen des KI-Shoppings
Was Visa und OpenAI jetzt konkret angekündigt haben
Bis hierhin ging es um den Trend. Jetzt wird es konkret.
Am 10. Juni 2026 haben Visa und OpenAI eine strategische Partnerschaft angekündigt. Ziel ist es, Visa-Zahlungen direkt in OpenAI-Erlebnisse zu integrieren. Aus einem KI-System, das berät und recherchiert, wird damit Schritt für Schritt ein System, das auch Transaktionen ausführen kann. (3)
Visa liefert dafür die notwendige Infrastruktur:
- Tokenisierung: Statt echter Kreditkartendaten nutzt der Agent sichere digitale Zahlungs-Tokens.
- Fraud Detection: Jede Transaktion wird in Echtzeit auf Betrugsrisiken geprüft.
- Spending Limits: Nutzer:innen können festlegen, bis zu welchem Betrag ein Agent handeln darf.
- Händlerfreigaben: Käufe können auf bestimmte Händler oder Händlerkategorien beschränkt werden.
- Bestätigungsschritte: Für größere oder sensible Käufe kann weiterhin eine menschliche Freigabe erforderlich sein. (1)
Der entscheidende Punkt: Visa liefert nicht einfach nur eine weitere Bezahlfunktion. Visa macht aus einem beratenden KI-Assistenten erstmals einen transaktionsfähigen Agenten.
Damit entsteht eine neue Ebene im digitalen Handel. Die KI kann nicht nur Empfehlungen aussprechen, sondern Aufgaben bis zum Abschluss ausführen – kontrolliert, abgesichert und innerhalb klar definierter Leitplanken.
Wichtig dabei: Stand heute ist das noch keine Funktion, die man einfach in ChatGPT einschaltet. Visa und OpenAI schaffen zunächst die Infrastruktur und testen diese mit ausgewählten Partnern. Erste Pilotprojekte laufen bereits in den USA. Weitere Händler, Banken und Regionen sollen schrittweise folgen.
Agentic-Commerce-Infrastruktur
Wie spricht ein Agent mit Millionen Shops?
Eine Frage bleibt noch offen: Wenn ein KI-Agent für uns einkaufen soll – wie findet er überhaupt Produkte in Millionen unterschiedlicher Shops?
Genau hier kommt das Universal Commerce Protocol (UCP) ins Spiel. Google hat den offenen Standard Anfang 2026 vorgestellt, um KI-Agenten und Händler-Systeme miteinander zu verbinden (8).
Vereinfacht gesagt: UCP ist die gemeinsame Sprache zwischen KI-Agenten und Shops. Oder anders formuliert: UCP ist für Agentic Commerce das, was HTML einmal für Webseiten war. Es schafft einen gemeinsamen Standard, damit Agenten nicht jeden Shop einzeln verstehen müssen.
Über UCP können Agenten beispielsweise:
- Produkte suchen
- Verfügbarkeiten prüfen
- Preise vergleichen
- Warenkörbe befüllen
- den Checkout vorbereiten
Das klingt technisch, ist aber strategisch wichtig. Denn erst wenn Agenten und Shops dieselbe Sprache sprechen, kann KI-Shopping im großen Maßstab funktionieren.
Universal Commerce Protocol
Shopping-Agenten sind erst der Anfang
Die eigentliche Geschichte hinter KI-Shopping ist nicht das Shopping.
Wir erleben gerade einen viel größeren Wandel: den Übergang von generativer KI zu KI-Agenten. KI entwickelt sich vom Werkzeug zum digitalen Assistenten, der eigenständig Aufgaben übernimmt.
In meinem aktuellen Interview mit dem Tagesspiegel habe ich genau darüber gesprochen. Wir bewegen uns weg von einzelnen KI-Tools, die auf Zuruf Inhalte erstellen oder Fragen beantworten. Stattdessen entstehen Agenten, die komplette Aufgaben bearbeiten.
Shopping-Agenten sind nur eine Ausprägung davon. Genauso entstehen:
- Research-Agenten, die recherchieren, analysieren und Entscheidungen vorbereiten.
- Marketing-Agenten, die Kampagnen planen, Inhalte erstellen und optimieren.
- Service-Agenten, die Kundenanfragen bearbeiten und Probleme lösen.
- Sales-Agenten, die Leads qualifizieren und Angebote vorbereiten.
Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, findet das vollständige Interview hier: https://cmk.tagesspiegel.de/cms/articles/20513/anzeige/claudia-buente/wie-unternehmen-jetzt-die-weichen-fuer-die-zukunft-stellen-muessen
Besonders spannend ist dabei das Tempo der Entwicklung. Shopping-Agenten haben sich innerhalb von gut einem Jahr von einer Vision zu einer konkreten Infrastruktur entwickelt. Genau diese Entwicklung werden wir auch in Marketing, Vertrieb, Service und vielen anderen Unternehmensbereichen sehen.
Deshalb lohnt es sich, schon heute auf KI-Agenten zu schauen. Denn die Frage ist nicht mehr, ob sie kommen. Die Frage ist, welche Aufgaben wir ihnen künftig übertragen werden.
Du willst besser verstehen, wie DU KI-Agenten für Dein eigenes Marketing einsetzen kannst? KI-Agenten sind einer der Schwerpunkte unserer KI-Masterclass für Marketingexperten. Der nächste Termin findet am 07.11.2026 statt.
Die nächste S-Kurve der KI
Was Marketing-Teams jetzt tun sollten
Für Marketing-Teams ergeben sich aus dieser Entwicklung zwei konkrete Aufgaben.
1. KI-Agenten verstehen und selbst nutzen
Viele Teams experimentieren noch mit einzelnen KI-Tools. Der nächste Schritt sind jedoch KI-Agenten. Mein Rat: Nicht auf die perfekte Lösung warten. Startet erste Pilotprojekte und sammelt Erfahrungen. Denn wer heute versteht, wie Agenten arbeiten, wird sie morgen deutlich erfolgreicher einsetzen.
KIRevolution-Tipp:
- KI-Agenten sind einer der Schwerpunkte unserer KI-Masterclass für Marketingexperten. Der nächste Termin findet am 07.11.2026 statt.
- Wer direkt loslegen möchte, findet im Online-Kurs zu CustomGPTs einen schnellen Praxiseinstieg. In rund einer Stunde lernst Du, wie Du eigene KI-Assistenzen für Marketing und Vertrieb aufbaust.
2. Sichtbar werden – für Menschen und für KI
Wenn KI-Systeme künftig Produkte, Inhalte und Anbieter auswählen, wird Sichtbarkeit neu definiert. Die Frage lautet dann nicht mehr nur: „Wie finde ich Kund über Google?“ Sondern auch: „Wird meine Marke von KI-Systemen empfohlen?“
Deshalb sollten sich Marketing-Teams schon heute mit GEO (Generative Engine Optimization) beschäftigen. Denn KI-Agenten treffen ihre Entscheidungen auf Basis von Inhalten, Daten, Bewertungen und Vertrauenssignalen.
KIRevolution-Tipp:
- Einen ersten Einstieg bietet unser Blogartikel „SEO für KI: So wirst Du sichtbar für KI-Suchmaschinen“.
- Wir entwickeln aktuell eine neue Schulung rund um GEO und Sichtbarkeit in KI-Systemen. Interessierte können sich bereits vormerken lassen und erhalten Informationen zum Start als Erste:r.
Als Erste:r erfahren, wenn die neue GEO-Schulung startet
Die wichtigste Erkenntnis zum Schluss:
Nicht die Technologie entscheidet über den Erfolg, sondern die Kompetenz vor dem Rechner. Wer heute die richtigen Fähigkeiten aufbaut, wird auch von der nächsten Welle der KI profitieren.
22. Juni 2026, Berlin
Prof. Dr. Claudia Bünte und Maryna Dovhal
Quellen
Reuters. (2025, April 29). OpenAI rolls out new shopping features with ChatGPT search update. https://www.reuters.com/business/media-telecom/openai-rolls-out-new-shopping-features-with-chatgpt-search-update-2025-04-28/
Visa. (2025, April 30). Find and buy with AI: Visa unveils new era of commerce. https://usa.visa.com/about-visa/newsroom/press-releases.releaseId.21361.html
Visa. (2026, June 10). Visa partners with OpenAI to power the next generation of AI commerce. https://usa.visa.com/about-visa/newsroom/press-releases.releaseId.22496.html
Harris, S. (2026, February 24). The AI shopping revolution: What our latest consumer research reveals. LinkedIn. https://www.linkedin.com/pulse/ai-shopping-revolution-what-our-latest-consumer-research-harris-4mdje
McKinsey & Company. (n.d.). New front door to the internet: Winning in the age of AI search. https://www.mckinsey.com/capabilities/growth-marketing-and-sales/our-insights/new-front-door-to-the-internet-winning-in-the-age-of-ai-search
IBM. (2026, January 7). IBM-NRF study: Brands and retailers navigate a new reality as AI shapes consumer decisions before shopping begins. https://newsroom.ibm.com/2026-01-07-ibm-nrf-study-brands-and-retailers-navigate-a-new-reality-as-ai-shapes-consumer-decisions-before-shopping-begins
Jain, K. (2026, February 18). Adobe Commerce commits to agentic commerce standards. Adobe. https://business.adobe.com/blog/adobe-commerce-commits-to-agentic-commerce-standards
Google. (2026, January 13). The future of shopping is agentic: Google’s vision for agentic commerce and the Universal Commerce Protocol (UCP). Google Blog. https://blog.google/products/ads-commerce/agentic-commerce-ai-tools-protocol-retailers-platforms/