Hast Du solche Antworten von KI auch schon bekommen?
- „Das ist eine brillante Idee.“
- „Genau der richtige Ansatz.“
- „Deine Strategie erscheint sehr überzeugend.“
Ich kenne das selbst gut.
Solche Antworten hören wir gern. Sie fühlen sich motivierend an und bestätigen uns in unseren Ideen.
Praktisch? Ja. Problematisch? Auch. Denn was passiert, wenn die KI unsere Vorschläge gar nicht kritisch prüft, sondern vor allem bestätigt?
Genau hier beginnt ein Phänomen, das in der KI-Forschung zunehmend Aufmerksamkeit erhält: Sycophancy. Der Begriff beschreibt die Tendenz von KI-Systemen, sich an den vermuteten Erwartungen, Meinungen oder Vorlieben der fragenden Person zu orientieren. Statt möglichst ausgewogen zu antworten, sagt die KI manchmal schlicht das, was wir hören möchten.
Das klingt zunächst harmlos. Für Marketingentscheidungen, Strategieentwicklung und kreative Prozesse kann es jedoch riskant werden. Denn wer nur Bestätigung erhält, übersieht leichter Schwachstellen, Risiken oder alternative Perspektiven.
KI-Sycophancy: Wenn KI zu oft Ja sagt
Was genau bedeutet Sycophancy?
Sycophancy bedeutet wörtlich so viel wie Einschmeichelei oder übermäßige Zustimmung.
Im menschlichen Kontext heißt das vereinfacht: Jemand redet einer anderen Person nach dem Mund, um Zustimmung zu bekommen, Sympathie zu gewinnen oder Konflikte zu vermeiden.
Bei KI-Systemen zeigt sich Sycophancy ähnlich: Die Antwort orientiert sich nicht nur an der Sache, sondern auch daran, was die nutzende Person vermutlich hören möchte. Anthropic (1) beschreibt Sycophancy als Tendenz von KI-Assistenzen, Antworten zu geben, die mit den Ansichten der Nutzenden übereinstimmen.
Warum und wie entsteht Sycophancy?
Spannend ist: Sycophancy ist kein reines „KI-Problem“.
Ein Grund liegt bei uns Menschen. Wir mögen Antworten, die unsere Meinung bestätigen. Das nennt man Confirmation Bias: Wir bewerten Informationen oft positiver, wenn sie zu unseren bestehenden Annahmen passen (2).
Genau das zeigt auch die Studie von Anthropic. Wenn KI-Antworten zur Meinung der nutzenden Person passen, werden sie häufiger bevorzugt – selbst dann, wenn eine andere Antwort sachlich besser wäre (1). Das ist für die Modell-Entwicklung wichtig, weil viele KI-Systeme mit menschlichem Feedback verbessert werden. Wenn Menschen Zustimmung positiv bewerten, kann das Modell lernen: Zustimmung kommt gut an. Kritik eher weniger.
Auch OpenAI hat das Thema 2025 öffentlich aufgegriffen (3). Das Unternehmen nahm ein GPT-4o-Update zurück, weil das Modell zu schmeichelnd und zustimmend reagierte. OpenAI beschrieb das entfernte Update selbst als „overly flattering or agreeable“ und kündigte an, Feedback künftig stärker auf langfristige Zufriedenheit statt auf kurzfristige Zustimmung auszurichten.
Sycophancy unter Menschen
Sycophancy vs. Halluzinationen
Wichtig ist die Abgrenzung zu Halluzinationen. Bei Halluzinationen erfindet die KI Fakten, Quellen oder Zusammenhänge. Bei Sycophancy können die genannten Fakten durchaus stimmen. Das Problem liegt dann nicht zwingend in falschen Informationen, sondern in der Auswahl und Gewichtung.
Eine KI kann zum Beispiel korrekte Argumente nennen, aber vor allem jene auswählen, die zur Meinung der fragenden Person passen. Kritische Gegenargumente oder alternative Perspektiven bleiben dann im Hintergrund.
Deshalb reicht es nicht, KI-Antworten nur auf offensichtliche Fehler zu prüfen. Gute KI-Kompetenz bedeutet auch, auf fehlende Perspektiven zu achten: Welche Annahmen bestätigt die KI? Welche Gegenargumente fehlen? Und wo wäre Widerspruch hilfreicher als Zustimmung?
Wenn Du Halluzinieren und Einschmeicheln verhindern willst, nutz unseren kostenlosen KI-Prompt-Coach von KIRevolution: hier geht´s zum Download.
Experiment: Hat KI eine Meinung zu Milch?
Auf der re:publica26 stellten Dr. Jakob Vicari von tactile.news und Dr. Simone K. Frey vom Nutrition Hub erste Ergebnisse des sogenannten Milch-KI-Monitors vor.
Ziel war es herauszufinden, wie verschiedene KI-Modelle auf Fragen rund um das Thema Milch reagieren – und ob die Antworten davon abhängen, welche Person die Frage stellt.
Dafür wurden verschiedene Prompts und Personas getestet. Die Stichprobe umfasste:
- 150 Prompts
- 9.408 KI-Antworten
- verschiedene Personas
- vier Modelle: ChatGPT, Gemini Flash, Claude und Grok
Erste Ergebnisse des Milch-KI-Monitors
Zentrales Ergebnis: Gleicher Prompt, unterschiedliche Antworten
Die Forschenden testeten verschiedene Personas – also unterschiedliche Rollen, Haltungen und Interessen. Je nachdem, wer die Frage stellte, veränderte sich die KI-Antwort:
- anderer Ton
- andere Argumente
- andere Gewichtung der Fakten
Besonders sichtbar wurde das bei Fragen zu Tierhaltung und Milchproduktion. Die KI antwortete nicht nur sachlich, sondern passte sich teilweise an die vermutete Haltung der fragenden Person an.
Genau das ist Sycophancy: Die KI beantwortet nicht nur die Frage. Sie versucht auch, den Erwartungen der Nutzenden entgegenzukommen.
KI-Sycophancy: Gleicher Prompt, andere Perspektive
Auch zwischen den Modellen gab es Unterschiede:
- Gemini Flash passte sich am stärksten an
- ChatGPT reagierte im Vergleich am stabilsten
Wichtig: Das heißt nicht automatisch, dass ein Modell besser oder schlechter ist. Es zeigt aber: KI-Antworten hängen stark von Prompt, Modell, Kontext und vermuteter Erwartung ab.
Sycophancy im Modellvergleich: Wie stark KI-Antworten schwanken
Warum ist das für Marketingverantwortliche besonders relevant?
Im Marketing nutzen wir KI häufig genau dort, wo es um Einschätzungen geht: bei Kampagnenideen, Positionierung, Zielgruppen, Claims oder Content-Strategien. Wenn die KI hier vor allem bestätigt, klingt das erst angenehm. Es kann aber dazu führen, dass Schwächen in der Idee zu spät sichtbar werden.
Typische Risikosituationen sind:
- Strategie: Die KI findet Deine Positionierung überzeugend, statt sie kritisch zu prüfen.
- Kampagnen: Die KI lobt Deine Idee, statt Gegenargumente zu zeigen.
- Zielgruppen: Die KI bestätigt Annahmen über Kundinnen und Kunden, statt sie zu hinterfragen.
- Content: Die KI verstärkt eine gewünschte Tonalität, blendet aber andere Perspektiven aus.
Gerade deshalb braucht es KI-Kompetenz vor dem Rechner. Nicht die KI entscheidet über die Qualität der Ergebnisse, sondern die Person, die fragt, prüft und bewertet.
Was kannst Du dagegen tun? Vier Strategien gegen Sycophancy
Die gute Nachricht: Sycophancy lässt sich nicht vollständig vermeiden, aber Du kannst ihre Auswirkungen deutlich reduzieren. Der wichtigste Schritt ist, KI nicht als Antwortmaschine zu betrachten, sondern als Sparringspartner.
1. Bitte die KI gezielt um Widerspruch
Viele Prompts laden die KI unbewusst dazu ein, zuzustimmen. Statt zu fragen: „Ist das eine gute Kampagnenidee?“ frage lieber:
- „Welche Schwächen hat diese Kampagnenidee?“
- „Welche Risiken übersehe ich möglicherweise?“
- „Welche Argumente würden Kritikerinnen und Kritiker vorbringen?“
So zwingst Du die KI dazu, andere Perspektiven einzunehmen und nicht nur Bestätigung zu liefern.
2. Nutze mehrere Perspektiven
Eine einfache Methode besteht darin, die KI bewusst verschiedene Rollen einnehmen zu lassen.
Zum Beispiel:
- Marketingverantwortliche
- Kundin oder Kunde
- Vertrieb
- Wettbewerber
- Datenschutzbeauftragte
- Geschäftsführung
Ein Prompt könnte lauten „Bewerte diese Idee aus Sicht einer Kundin, eines Wettbewerbers und eines CFOs. Wo unterscheiden sich die Einschätzungen?“
Dadurch werden blinde Flecken oft schnell sichtbar.
3. Vergleiche mehrere Modelle
Die Ergebnisse des Milch-KI-Monitors zeigen deutlich: Verschiedene Modelle reagieren unterschiedlich stark auf Personas und Erwartungen.
Gerade bei wichtigen Entscheidungen lohnt es sich deshalb, Antworten von ChatGPT, Claude, Gemini oder anderen Modellen miteinander zu vergleichen. Wenn mehrere Modelle unabhängig voneinander ähnliche Kritikpunkte nennen, ist das oft ein wertvoller Hinweis.
4. Nutze die KI als Sparringspartner, nicht als letzte Instanz
Der vielleicht wichtigste Punkt: Verlasse Dich nicht auf die erste Antwort. Frage nach:
- Welche Gegenargumente gibt es?
- Welche Annahmen liegen dieser Antwort zugrunde?
- Welche Informationen fehlen?
- Wie würde jemand mit einer völlig anderen Meinung antworten?
Je wichtiger die Entscheidung, desto wichtiger wird das kritische Hinterfragen.
Sycophancy erinnert uns daran, dass gute KI-Ergebnisse nicht allein von der Technologie abhängen. Entscheidend ist die Kompetenz der Menschen, die sie nutzen. Wer die richtigen Fragen stellt, unterschiedliche Perspektiven einholt und Antworten kritisch prüft, erhält deutlich bessere Ergebnisse als jemand, der jede KI-Antwort ungeprüft übernimmt.
KIRevolution gegen Sycophancy
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- wie sie Prompts formulieren, die kritisches Feedback statt Zustimmung fördern
- wie sie KI-Antworten systematisch hinterfragen
- wie sie mehrere Perspektiven und Rollen in die Analyse einbeziehen
- wie sie Halluzinationen, Bias und Sycophancy erkennen
- wie sie KI sicher und effizient für Marketing, Strategie und Content einsetzen
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So wird KI vom Ja-Sager zum echten Sparringspartner.
Berlin, 15. Juni 2026
Maryna Dovhal und Prof. Dr. Claudia Bünte
Quellen
- Anthropic. (2023). Towards understanding sycophancy in language models. https://www.anthropic.com/research/towards-understanding-sycophancy-in-language-models
- Nickerson, R. S. (1998). Confirmation bias: A ubiquitous phenomenon in many guises. Review of General Psychology, 2(2), 175–220. https://doi.org/10.1037/1089-2680.2.2.175
- OpenAI. (2025). Sycophancy in GPT-4o: What happened and what we’re doing about it. https://openai.com/index/sycophancy-in-gpt-4o/
- Eigene Mitschrift und Fotos vom Vortrag „Milch-KI-Monitor“ von Dr. Jakob Vicari und Dr. Simone K. Frey, re:publica 2026. https://re-publica.com/de/session/hat-ki-eine-meinung-zu-milch-infovermittlung-zeiten-der-5-generation-gatekeeper